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Show Mülhausen. 7.'-» war, das strömte jetzt von allen Seiten herein, und bald schwanden die alten Ueberlieferungen und Sitten, selbst der Dialekt und der so scharf ausgeprägte Charakter der Altstädter änderte sich in dem neugewonnenen grösseren Gesichts- und Wirkungskreise. Das alte Stadtgebiet wurde zu eng. Die Fallbrücken wurden durch teste Brücken ersetzt, 1809 erfolgte der Abbruch des Spiegel-, 1810 des Basel-und Jungenthores, 1811 des letzten Thurmes am Oberthor. Die Zählung ergab 1S05: 8021 Einwohner, 1810: 9353, 1S33: 13300, 1838: 16932, 1844: 20547, 1847: 29085, 1855: 29574, 1860: 45981, 1866: 58753, 1871: 52892, 1875: 584b3, 1880: 03629, 1885: 69759, 1S90: 767bl, 1895: 82986, 1900: 89118. Im Jahre 1782 zählte man 791 Häuser, im Jahre 1900: 6594. In der baulichen Entwickelung tritt namentlich das Jahr 1829 hervor mit der Anlage des Neuen Quartiers vor dem Baselthore und die Jahre 1853 und 1864, in denen die alte und neue Cite" im Norden der Stadt gegründet wurden. 1829 wurde der 1804 begonnene Rhein-Rhonekanal beendet, der seit 1872 im neuen Bassin einen bequemen Landungsplatz besitzt. Gegen die jährlichen Ueberschwemmungen wurde 1846 der Abzugskanal angelegt, der im Süden der Stadt von der 111 ausgeht und im Norden mit der Doller in Verbindung steht. Im Jahre 1855 überwölbte man den Sinnegraben und im Jahre 1858 den südlichen Graben (Grabenstrasse). Seit 1833 gibt es in M. eine Gasanstalt, die auf Grund eines Vertrages die Beleuchtung besorgt. Im Jahre 1843 wurde auf dem alten Bollwerke ein Schlachthaus errichtet, 1888 ersetzt durch eine Neuanlage im Nordfelde. Im August 1839 konnte der grosse Unternehmer Nie. Köchlin die Eisenbahn nach Thann dem Betriebe übergeben und im September 1841 die Strecke St. Ludwig-Strassburg. Die Bahn nach Altkirch wurde 1857 gebaut und die nach Müllheim im Jahre 1878. Seit 18S2 gibt es in M. Strassenbahnen, anfangs mit Dampfbetrieb, seit 189b mit Electricität. A n bedeutenderen öffentlichen Anlagen besitzt die Stadt seit 1893 einen zoologischen Garten südlich vom Rebberge, seit derselben Zeit eine Gartenanlage auf dem alten Friedhofe und eine zweite an der Sinne im Square Steinbach - letztere ein Geschenk der Erben Steinbach. Im Jahre 1832 wurde die Wasserleitung angelegt, die die Stadt mit dem guten Dollerwasser versorgt. Das stellenweise noch dünn bebaute 1229 Hectar grosse Stadtgebiet hat von S.-N. 5 k m Durchmesser. Es wird im Westen begrenzt von der Gemeinde Dornach, im Norden von Burzweiler und Illzach, im Osten von Riedisheim und im Süden von Brunstatt. Die grössere Masse der Häuser liegt zwischen dem Rhein-Rhonekanal und dem Abzugskanal, die im Süden in einem spitzen Winkel auseinandergehen und im Norden einen Abstand von 3 k m erreichen. Zu beiden Seiten des Abzugskanals liegen die Arbeitervorstädte, südlich vom Rhein-Rhonekanal das immer mehr bewohnte Villenviertel des Rebbergs mit dem Tannen- und Zurenwald als Hintergrund und dem Mönchsberg als Höhepunkt, von dessen städtischem Aussichtsthurm man das Berner Oberland sehen kann. Die Hauptstrassen stehen mit der alten Staatsstrasse Basel-Colmar in Verbindung und zwar für die südlichen Stadttheile vom Neuquartierplatz, für die Altstadt vom Gänseplatz und für den Norden vom Jungenthor aus. Die Strassen der Cite sind geradlinig von W S W nach O N O angelegt und treffen fast rechtwinkelig die Colmarer Strasse. Zur Zeit zählt die Stadt 400 Strassen, Gassen und Plätze. 70 grössere Fabrikanlagen lassen nur den 100 Meter ansteigenden Rebberg frei von Rauch; im Uebrigen ist trotz der 4 Merkmale des Klimas, Rauch. Strassenstaub, Regen und Wind, der Gesundheitszustand nicht sehr ungünstig, da in dem Zeitraum 1S93-1897 die mittlere Sterblichkeit 22,7 auf 1000 war. C. C u 1 t u s. W i e in topographischer, so änderten sich auch in confessioneller Beziehung die Verhältnisse. Schon gleich nach der Reunion Hessen sich jüdische Familien in der Stadt nieder. Vor dem 16. Jhdt. war die jüd. Gemeinde hier nicht unbedeutend. Ihr Quartier war in der Wagner- (Wildemanns-) Strasse. Seit der Reformation war ihnen der Wohnsitz in der Stadt verboten. Im Jahre 1789 fanden jedoch viele hier ein schützendes Obdach. Im Jahre 1821 wurde die Synagoge erbaut und 1831 erhielten die Juden einen Kirchhof, auf dem der erste Rabbiner der Gemeinde als erster bestattet wurde. Die damals 400 Köpfe zählende Gemeinde nahm rasch zu und erbaute sich 1848 ein grösseres Gotteshaus. Im Jahre 1875 zählte man 1897 und zwanzig Jahre später 2271 Juden. Bei der Lage Mülhausens mitten in einer kath. Umgebung musste die kath. Confession den grössten Zuwachs erhalten. Seit dem Con-cordat 1802 wurde ihr Cultus in der Stadt geduldet. Der erste Pfarrer war St. Beck von 1803-1810. Im Jahre 1804 wurde ihnen das Chor der alten Barfüsserkirche eingeräumt und 1812 auch das Schiff. Man nannte sie die St. Stephanskirche. Bei der Wiederherstellung des arg vernachlässigten Gebäudes wurde der Thurm erbaut. Die Zahl der Katholiken betrug 1800 im Jahre 1812 und ein Drittel der Bevölkerung 1829, während sie 1834 bereits die Hälfte ausmachte. Der Pfarrer A. Lutz (1829-51) hatte sich den Bau einer Kirche als Lebensaufgabe gesetzt, aber erst sein Nachfolger Uhlmann konnte am Feste Maria Himmelfahrt 1855 den Grundstein legen und am 25. Dez. 1860 das Werk des Baumeisters Schacre als neue St. Stephanskirche einweihen. [ Unterdessen aber war die Zahl der Katholiken auf 45550 j gewachsen und deshalb wurde 1866 eine zweite Pfarrei der alten Barfüsserkirche gegründet, die jetzt den Namen Maria- Hilfskirche erhielt. Die Ausdehnung der Stadt machte den Bau einer Kirche in der Cite nöthig, die dann a m 18. März 1883 als St. Josephskirche eingeweiht wurde. Ihrer Lage im Westen entspricht im Osten die Errichtung der Gcnove- ! fakirche im Jahre 1893. Verhältnismässig geringer war der Zuwachs des protestantischen Bekenntnisses. Die Hauptkirche ist der im Jahre 1868 nach lOjähriger Bauzeit vollendete gothische Prachtbau auf dem Rathausplatze, w o bis 1858 die im 14. Jhdt. erbaute alte St. Stephanskirche stand. Seit dem westfälischen Frieden gab es in Mülhausen eine französ. protest. Gemeinde, der auf Vermittelung des Herrn de Roquebine 1661 das Chor der Barfüsser eingeräumt worden war. Von 1803-1836 hielt sie ihren Gottesdienst in der Stephanskirche ab. Im Jahre 1836 wurde der schmucklose Tempel in der Synagogen-Strasse fertig, der während der Bauzeit der Stephanskirche auch der deutschen Gemeinde diente und deshalb 1858 erweitert werden musste. Die «Evangelische Gemeinschaft» hat seit 1876 ein Bethaus in der Schlumberger Strasse für etwa 1000 Personen. Auch das luther. Bekenntnis bildet seit den 80er Jahren eine eigene Gemeinde von etwa 400 Mitgliedern. Sie haben im alten Lützelhof ihren Betsaal. Für den nördlichen Stadttheil wurde 1S94 die Pauluskirche erbaut. D) Schule. 1. Niederes Unterrichtswesen. a) Die Kleinkindcrschulen. Die erste Anregung dazu hat Dr. Penot gegeben (s. o.) und 1834 wurde in der Pfastätter Strasse die erste Schule dieser Art im O.-Els.mit 150 Kindern eröffnet. Ihre Zahl ist seitdem auf 9 gestiegen. Ein nicht unerheblicher Theil der Kosten wurde von einer Vereinigung von Damen aufgebracht. 184S zählte man 600, im Jahre 1897 3667 Kinder in 21 Schulsälen, b) Elementarschulen. Vor dem Jahre 1798 gab es in M. 4 Knaben- und 1 Mädchenklasse mit 250 Schulkindern. 1761 wurde eine philosophische Klasse eingerichtet zur Vorbereitung auf das Universitätsstudium. LTm dieselbe Zeit gründeten Joh. Köchlin und Nie. Thierry eine Handelsschule. Im Jahre 1831 entstand die 6cole primaire commu-nale, 1837 die gegenwärtige Centralschule, die im Jahre 1838 von 800 und 10 Jahre später von 1300 Kindern besucht wurde. Seit Anfang der 60er Jahre begann man in den einzelnen Stadtquartieren Schulen zu errichten, so 1S61 in |