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Show 726 Mülhausen. verwandten; noch 40 Jahre nachher, zur Zeit des Restitutionsediktes, sind ihre Bemühungen wahrzunehmen. Aber thatkräftig standen die 5 prot. Kantone der Stadt bei und suchten sie während der gefährlichen Zeiten des 30jährigen Krieges durch eine Garnison zu schützen. Wohl wurde M. mehrmals durch vorüberziehende Truppen bedroht, ein Angriff auf seine Mauern erfolgte jedoch nicht. Ja mit Hülfe der schwedischen Glaubensgenossen und Frankreichs, mit welchem M. seit 1601 wieder im Vertragsverhältnisse stand, konnte M. sogar die Dörfer Riedisheim, Brunstatt und Pfastatt besetzen, als Pfand einer ortenburgischen Schuld. Gegen Ende des Krieges musste es dieselben wieder herausgeben, da Frankreich unterdessen eine bessere Verwendung derselben fand. Wohl aus Gefälligkeit gegen die Schweiz erkannte Ludwig XIV. im westfälischen Frieden lö48 die Unabhängigkeit von M. an, aber das hinderte 1656 den Herzog von Lothringen als Oberlandvogt nicht, unter dem Namen der alten Reichssteucr von M. jährlich eine Abgabe zu verlangen.1 Ueberhaupt bleibt die staatsrechtliche Stellung der Stadt unklar: tö51 wird sie von König Ferdinand noch zu den 10 freien Reichsstädten gerechnet und erhält die Bestätigung ihrer alten Freiheiten; während 1663 der Kaiser in M. Steuern erhebt, vertritt J. Casp. Dollfuss die Stadt in Paris bei Erneuerung des Vertrages mit Frankreich; eine Mülhauser Compagnie von 200 Mann kämpfte seit 1671 auf Ludwigs Seite. Die Stadt verstand es, sich sehr geschickt durch die verwickelten Verhältnisse und drohenden Zeiten hindurch zu winden, indem sie bald den französischen Generälen ihre Aufwartung machte, wie 1o74 Turenne nach seinem Siege über die Kaiserlichen an der Strasse nach Brunstatt, bald den kaiserlichen Heerführer in Sausheim in ehrerbietiger Weise begrüsste. Auch im österreichischen Erbfolgekriege sah die Stadt die feindlichen Heere in der Nähe, aber ihre Neutralität wurde nicht verletzt; wohl aber wusste die Bürgerschaft aus der eigenthüm-lichen Lage Nutzen zu ziehen, indem sie ihre ländlichen Erzeugnisse so theuer wie möglich an die Truppen absetzte. Bis zur Mitte des lS.Jhdts. ist kein bemerkenswerthes Ereig-niss aus der äusseren Geschichte M. zu verzeichnen. Erst als 1748 Josua Hofer, wohl der bedeutendste Staatsmann, den die Stadt hervorgebracht hat, als Syndicus die Geschäfte übernahm, begann M. wieder höhere politische Ziele zu erstreben. Hof er setzte sich zunächst als Aufgabe, die Wiederzulassung seiner Vaterstadt zum Bunde der 13 Kantone zu bewirken. Zu dem Zwecke unterbreitete er 1753 der Tagsatzung zunächst das Gesuch, M. wenigstens zu den Bera-thungen zuzulassen, die sich auf den Vertrag mit Frankreich bezögen. Indem er vor allem die Unterstützung des franz. Gesandten zu gewinnen wusste, gelang es seinen unablässigen Bemühungen, dass die Kantone mit Ausnahme von Uri ihre Zustimmung gaben, und so nahm M. 1777 zum ersten Male wieder an einer allgemeinen Bundeskonferenz theil. Die Wiederaufnahme in den Bund war damit allerdings noch nicht erreicht, aber die Freude über diesen Erfolg war ausserordentlich gross. Im Festzuge wurde Hofer abgeholt und von der Stadt mit Auszeichnungen bedacht. 1 Der Herzog Heinrich von Lothringen verlangte 1653 von M. unter dem Namen Reichssleuer jährlich 100 Gulden, da die Stadt nach den Zinsbüchern von Hagenau hierfür v eranlagt sei. Der Sachverhalt war folgender : M. halte dem Herzog Ferdinand von Oesterreich 1576 ein Kapital von 2000 Gulden geliehen. Bis 1631 hatte der Kaiser im Namen des Reiches eine Quittung durch den Zinsmeister in Hagenau über Bezahlung von 100 Gulden Reichssteuer ausstellen lassen, wogegen M. dem Kaiser eine Quittung über den Empfang von 100 Gulden Zinsen gab. Vergebens machte M. geltend, dass es seit 1515 nicht mehr zur Landvogtei Hagenau gehört habe. Unter Androhung von Gewralt wurde es gezwungen, von 165t> ab 100 Gulden «Reichssteuer» an Frankreich zu zahlen. 17f»l findet sich darüber die letzte Quittung. Dann aber kam die Revolution, und für die grosse französ. Republik hatte die kleine Stadtrepublik keine Daseinsberechtigung. Wiederum war es der fürsorgliche Stadtschreiber, der in der Einteilung Frankreichs in Departements die Gefahr für M. kommen sah. Seit 1780 hatte M. mit Frankreich einen Handelsvertrag, wonach die Mülhauser Waare in Frankreich gleiche Vergünstigung wie die elsässische genoss. Die elsässischen Fabrikanten aber waren mit allen Mitteln darauf bedacht, den bereits Weltruf geniessenden Mülhauser Fabriken den Absatz in Frankreich zu erschweren. Auf Hofers Bericht hin wurden 40 Bürger gewählt, u m an den Beratungen über die neuen Verhältnisse theilzunehmen. A m 27. Mai 1790 beschloss der so vergrösserte Rath, eine Gesandtschaft nach Paris abgehen zu lassen. Als diese ihr Gesuch um Verlängerung des Handelsvertrages von 1786 vorbrachte, erwiderte die Nationalversammlung, man müsse zuerst die Fabrikanten im Elsass hören. Ihr Bericht fiel für M. sehr ungünstig aus. Trotzdem setzte Hofer die Verhandlung mit Geschick fort. Unterdessen aber kam die Kriegserklärung 1792 und der 10. August, an dem die unglücklichen Schweizer Gardisten hingemetzelt wurden. A m 2. Nov. 1792 beschloss das Department zu Colmar, M. als Ausland zu behandeln und die Stadt mit einer engen Zollkette zu umgeben; selbst für den Verkehr in der Nachbarschaft wurde der Passzwang eingeführt. Eine grosse Nothlage entstand: die Behörde musste den Verkauf der Lebensmittel in die Hand nehmen, die städtischen Waldungen wurden abgeholzt, die Fabriken standen still. Die Verhandlungen in Paris wurden ohne Erfolg fortgesetzt. Bei einem Personenwechsel im Direktorium 1797 wurden die Freunde Mülhausens gestürzt, nur der feindlich gesinnte Reubel blieb Hoffnungslos kehrten die Gesandten zurück, und die Verhandlungen wurden eingestellt. Schon 1793 war einvClub entstanden, der auf den Anschluss an Frankreich hinarbeitete; auch in Illzach hatte man einen Freiheitsbaum errichtet: die Hintersassen und Arbeiter, die meistens in franz. Dörfern wohnten, wirkten in dem gleichen Sinne, und als dann aus Paris die Meldung kam, M. sollte im Falle des Anschlusses vorläufig von der Conscription, Requisition und Einquartierung befreit bleiben, da wich auch der Magistrat dem übermächtigen Drange der Verhältnisse. Der regierende Bürgermeister Hofer berichtete in einfachen Worten über die Nothlage, und der grosse Rath sammt Vierzigern beschloss a m 3. Januar 1798 mit 97 gegen 5 Stimmen die Vereinigung mit Frankreich. In der St. Stephanskirche, die seit 1236 so oft Zeuge des Volkswillens gewesen war, versammelten sich a m 4. Januar die Zünfte und genehmigten mit 591 gegen 15 Stimmen den Rathsbe-schluss. «Es war für alle schmerzhaft, die alte Unabhängigkeit zu verlieren, jedoch war kein anderer Ausweg mehr,> sagt der Chronist, der 50 Jahre später als einer der letzten Republikaner einen liebevollen Rückblick auf Mülhausens Vergangenheit schrieb. A m 15. März 179S wurde das Fest der «Reunion» in feierlicher Weise begangen. IL N a m e , W a p p e n , O r t s b e s c h r e i b u n g , B e v ö l k e r u n g , Verfassung. Mit unbedeutender Abweichung linden sich die Schreibarten: Mülenhusen 823, Mülnhusen 1221, Mülhausen seit dem 17. Jhdt.; latein. gewöhnlich die deutsche Form, selten Mulhusinum; franz. lange die deutsche Form, erst seit 1S48 endgültig Mulhouse.1 - Das Wappen der Stadt, die 1236 noch kein eigenes Siegel hatte, war ein rothes Mühlrad auf weissem Grunde. Als der Stadtschreiber Gamsharst 1512 wegen Vergünstigung im Fastengebote beim Papste war, ertheiltc Julius IL die Erlaubniss, im Stadtbanner das Bildniss des hl. Stephanus zu führen. - Die Lage der Stadt ist bis auf den heutigen Tag dieselbe ge- 1 Mit Recht wurde 1871 die Schreibart mit «h» abgelehnt. |